Kevin Rabemanisa, Singer-Songwriter, 2011 aus Madagaskar nach Hannover gekommen und zehn Jahre lang Straßenmusiker. Heute schreibt er Retro-Soul auf Englisch, nimmt die Drums mit seiner alten Band in Madagaskar auf und sortiert seine Songs in Bücher. Ein Gespräch über Mut, spätes Ankommen und warum ein Lächeln Widerstand sein kann.
Interview-Highlights
Kevins Weg in die Musik hat in der Fußgängerzone begonnen. Ein paar Songs, ein offener Gitarrenkoffer und Menschen, die nicht stehen bleiben müssten, es bei ihm aber trotzdem tun.
Und falls doch mal alle vorbeilaufen, hat er einen Trick: „You’re Beautiful“ von James Blunt. „Da bleiben alle stehen.“ Den Mut dafür musste er erst finden. Geholfen hat ein einfacher Gedanke:
Was habe ich denn zu verlieren? Mich kennt hier keiner. Die sehen mich einmal und nie wieder. Und dann fühlt es sich geil an, und du willst nicht mehr aufhören, bis das Ordnungsamt kommt.
Gespielt hat er in Berlin, Freiburg und Amsterdam, aber für ihn ist klar: Hannover ist zu Hause. Geschrieben hat er früher nur auf Malagasy. Ins Englische musste er erst hineinwachsen, und sein Bruder hat ihm dabei geholfen, die richtigen Worte für seine Gefühle zu finden.
Heute spricht er vier Sprachen und träumt in dreien, nur nie auf Französisch. Dass er auf Englisch singt, hat er bewusst entschieden, damit alle seine Geschichten verstehen. Madagaskar steckt trotzdem in seiner Musik, im Rhythmus und in der Art zu spielen. Musik ist für ihn die Sprache für das, was sich nicht aussprechen lässt:
Unausgesprochene Gefühle, die ich nicht in Worte fassen kann, fasse ich in Musik. Und vielleicht finden andere da eine Antwort, eine Lösung, eine Hoffnung.
Und dann sind da die Bücher. Bisher veröffentlicht Kevin nur einzelne Singles, aber in seinem Kopf stehen die Songs längst in Regalen. Jedes Buch hat seinen eigenen Klang, und jedes Lied wartet geduldig, bis sein Kapitel an der Reihe ist. Manche liegen drei, manche fünf Jahre in der Schublade, bevor sie das erste Mal Tageslicht sehen. Kevin sieht das gelassen: „Das ist wie ein alter Käse“ – Gut Ding will eben Weile haben, und mit jedem Jahr wird’s würziger. Das erste Buch heißt „Seasons Change“ und soll nächstes Jahr erscheinen: Retro-Soul, warm und ganz bei sich, die neue Single ist schon ein Teil davon. Das zweite schlägt er später auf. Es ist leichter, tanzbarer, ein Buch über die kleinen Dinge, die einen Tag nicht retten müssen, ihn aber ein Prozent schöner machen.
Es war ein Abend zum Zuhören, mit vielen leisen Sätzen und ein paar lauten Lachern. Das ganze Gespräch mit Kevin könnt ihr hier in Ruhe nachhören, am besten mit einer Tasse Kaffee. Er würde es genauso machen.
Song-Tipps
Nothing has changed: Die neue Single vom 2. Oktober, aus dem Buch „Seasons Change“. Retro-Soul irgendwo zwischen Silk Sonic und John Mayer, mit Drums von seinem Freund aus der alten Band in Madagaskar. Die tausenden Kilometer dazwischen hört man dem Groove kein bisschen an.
Love is a Mistery: Liebe ist ein Mysterium, und manchmal steckt sie in den kleinsten Dingen. Für Kevin ist dieser Song genau so eine Kleinigkeit, die den Tag ein bisschen schöner macht. Wie die erste Tasse Kaffee am Morgen, nur mit Gitarre.
Funkhaus-Konzert
In den letzten fünfzehn Minuten wurde es still im Studio, denn Kevin griff selbst zur Gitarre, ganz allein, nur Stimme und sechs Saiten. Eine feste Setlist hatte er nicht. Er hat gespielt, worauf er in dem Moment Lust hatte. Den Anfang machte „Till the Sunrise“ von 2021, ein Song aus dem Buch „Seasons Change“. „Ich fühle den Vibe“, sagte er und ließ den Song mit einem langen, ruhigen Gitarren-Outro ausklingen.
Vor dem zweiten Song setzte er einen Kapodaster auf, und das gab es bei unseren Live-Sessions so vermutlich noch nie. Darauf angesprochen, kam die Antwort mit einem breiten Grinsen und einem Augenzwinkern: „Ich bin faul.“ Dann spielte er „Heroes“, einen Song an Mama und Papa: „You’re still my heroes.“
Als nur noch ein paar Minuten übrig waren, gab es kein langes Überlegen, nur ein „Let’s go“, und zum Abschluss kam „Smile“. Das ist der Song über das Lächeln als kleinen Widerstand, mit einer Einladung an alle: „Take a seat and sing along.“ Kevin wurde dreißig Sekunden vor den Nachrichten fertig, so punktgenau hat das bei uns noch keiner hinbekommen. Ole konnte es kaum fassen: „Was ein Timeboxing.“
Insgesamt entstanden drei Live-Aufnahmen bei uns im Studio. Eine findet ihr direkt hier, die anderen warten auf unseren Social-Media-Kanälen auf euch. Reinschauen lohnt sich!